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Arabischer Herbst?

Als Ende 2010 in den Medien erste Berichte über Proteste der tunesischen Bevölkerung gegen die Regierung des Landes und das Staatsoberhaupt, Präsident Zine el-Abidine Ben Ali, kursierten, ahnte wohl niemand, welche Dynamik dieser Aufstand auslösen würde. Während des Jahres 2011 schwappte die Freiheitsbewegung der Tunesier auf etliche weitere an das Mittelmeer grenzende Länder Afrikas und Vorderasiens, wie zB Ägypten, Syrien oder Libyen, über.

So vielseitig die Motive der Völker in den verschiedenen Ländern für ihre Proteste auch gewesen sein mögen, so lassen sich diese meines Erachtens im Wesentlichen auf einen Kerngedanken reduzieren: Der Wunsch nach Veränderung zum Besseren. Dieser Wunsch war im Laufe der Geschichte wohl der häufigste Ursprung von Revolutionen, was für jedermann mehr oder weniger nachvollziehbar sein sollte, da dieser Wunsch allen Menschen immanent ist, wie ich meine. Wenn dieses Bedürfnis durch Armut, Leid und Unterdrückung im Alltag der Massen einen immer größeren Stellenwert einnimmt, ist der Nährboden für einen Umsturz gegeben. Blutige Bürgerkriege, Hinrichtungen, Morde, Anschläge und Vergeltungsschläge – die Schattenseiten des menschlichen Daseins – sind nicht selten die Folge, wie wir in unzähligen Berichten der vergangenen Monate beinahe täglich erfahren mussten. Alles im Leben hat seinen Preis – das Erkämpfen der Freiheit einen besonders hohen, wie es scheint.

Die entscheidende Frage im Hinblick auf die weitere Entwicklung in Nordafrika und im Nahen Osten wird sein, ob der Wille der Bevölkerung und das Streben nach Freiheit stark genug ist, um das Begonnene zu vollenden. Wie sich am Beispiel Ägyptens, wo ein Regime zugunsten eines anderen abgelöst wurde und die Hoffnungen und Träume der Revolutionäre vorerst unerfüllt bleiben, vor Augen führen lässt, ist der Weg zur Freiheit mühsam.

Auf allzu große Unterstützung der westlichen Demokratien sollten die Aufständischen nicht hoffen, denn wie uns auch die jüngere Geschichte lehrt, ist der Idealismus in der Politik nur eine zarte, verletzliche Begleiterscheinung, gleich einer Membran, die beim ersten Aufflackern der eigentlich entscheidenden Faktoren, reißen kann. Vor diesen entscheidenden Faktoren findet sich meist ein $- oder €-Symbol.

Am Beispiel Frankreichs, das noch wenige Monate vor Ausbruch der ersten Proteste laut über das Schmieden einer Mittelmeer-Allianz nachdachte, lässt sich anschaulich auf den Punkt bringen, dass die Stabilität das einzige für die Politik relevante Kriterium bei der Auswahl von Vertrags- und Geschäftspartnern darstellt. Die Verhandlungen bzw. Gespräche der französischen Regierung wurden nämlich rund um das Mittelmeer mit all den damals noch etablierten Regierungsmitgliedern, die mittlerweile zum Großteil das Schicksal von Ausgestoßenen ereilte, geführt. Wenige Monate später, als die ehemaligen Verhandlungspartner medial an den Pranger gestellt wurden, zählte Frankreich zu den ersten, die händeringend die Einhaltung der Menschenrechte einforderten. Eine peinliche Farce, die sich bedauerlicherweise nicht nur auf Frankreich beschränkte.

Der freiheitskämpfenden und wohl auch der übrigen Bevölkerung Nordafrikas stehen unsichere Zeiten bevor. Es bleibt abzuwarten, ob ein einmaliges Aufbäumen ausreicht um mit der Tradition zu brechen und der Freiheit einen Schritt näher zu kommen oder ob dem Arabischen Frühling bereits der Arabische Herbst folgt.


joh