Das koreanische Bildungssystem, ein Vorbild?

Derzeit scheinen Artikel über Korea, die etwas über den Tellerrand blicken und nicht nur über den kommunistischen Dämon im Norden[1] berichten, in Mode zu sein. So war vor einigen Wochen ein Bericht über Smartphonesucht in Korea in der Wochenzeitung „Die Zeit“ zu lesen. Das Profil bringt in seiner vorletzten Ausgabe gleich mehrere Beiträge zum Thema Korea. Nachdem ich derzeit aus erster Reihe über dieses spannende Land zu berichten vermag, folge ich diesem Trend ganz einfach und schildere eines der beliebtesten Themen wenn von Korea die Rede ist: das Bildungssystem. Nachdem die Koreaner in den PISA-Tests regelmäßig die Spitze erklimmen und sogar die hochgelobten Skandinavier in den Schatten stellen, stößt man immer öfter auf Beiträge wie „Was können wir von Korea lernen“. Die Gründe für dieses gute Abschneiden sind vielschichtig und deren detaillierte Erörterung würde zweifelsohne den Rahmen dieses Artikels sprengen, aber ich werde versuchen, die meiner Meinung nach wichtigsten anzuführen. Des Weiteren gibt es sehr viele negative Aspekte wie ich später noch darlegen werde. Diese überwiegen gewissermaßen und bringen mich zu dem Schluss – soviel sei vorweggenommen –, dass europäische Bildungssysteme kaum von Adaptionen aus Korea profitieren würden.

Das schulische Leben eines jeden jungen Koreaners gipfelt in einem großen, einheitlichen Test, den jeder, der an einer Universität aufgenommen werden will, abzulegen hat. Dieser eine Test, also die geistige Verfassung an diesem einen Tag, entscheidet über das weitere Leben der Jugendlichen. Alleine anhand dieses Umstandes kann man erahnen, wie groß der Leistungsdruck ungefähr sein muss. Es gibt zwar einige Ausnahmen, so hat man immer noch die Chance an einer der Top-Unis zu studieren, wenn man auf dem Gebiet seiner angestrebten Studienrichtung Außerordentliches vorzuweisen hat. Diese Fälle stellen aber absolute Ausnahmen dar. An diesem speziellen Tag im koreanischen Kalender, an dem "Suneung" (der Name des Tests Anm.) stattfindet, ist es für die arbeitende Bevölkerung vorgeschrieben, ihre Arbeit einige Stunden verspätet aufzunehmen, damit sich die Rush-Hour nach hinten verschiebt und keiner der Prüflinge in einem Stau feststeckt. Des Weiteren wird der Flugverkehr über dem gesamten koreanischen Luftraum für einige Stunden ausgesetzt, damit es ruhig ist. Alles in allem schier unvorstellbare Maßnahmen. Wenig verwunderlich ist dann, dass sich Korea mit der mit Abstand höchsten Schülerselbstmordrate der Welt konfrontiert sieht.

Das Hauptaugenmerk des Tests liegt ganz klar auf Mathematik. Koreanisch und Englisch werden bei Weitem nicht so schwer gewichtet. Des Weiteren kann man eine zweite Fremdsprache, Sozial- oder Naturwissenschaften als viertes Fach für seinen Test wählen.
Die Aufnahmequote an der Seoul National University, der absoluten Spitzeninstitution des Landes, beträgt 0.5%. Eine schier unvorstellbare Zahl, wenn man die Quoten anderer Spitzenunis betrachtet: MIT (9%), Oxford (20%), Columbia(7.5%)[2].

In kaum einem anderen Land der Welt arbeiten Jugendliche daher so hart wie hier. Regelmäßiger außerschulischer Unterricht steht auf der Tagesordnung. Man hört Geschichten von Eltern, die ihre Sprösslinge zu bremsen versuchen, da sie zu viel arbeiten und daher ihr soziales Leben total vernachlässigen.

Diese Art des Wissenserwerbs ist klar und deutlich auf ein Ziel ausgerichtet, nämlich um jeden Preis außerordentlich gute Noten zu erhalten. Dies widerspricht dem immer mehr an Popularität gewinnenden Konzept des „deep learning“. „If you decide you don't have to get A's, you can learn an enormous amount in college“ [3],  ein Zitat von Isidor Isaac Rabi, einem der größten Physiker des letzten Jahrhunderts.

Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass die mathematischen Fähigkeiten der jungen Koreaner die eines österreichischen Maturanten bei Weitem übersteigen. Dies trifft genauso auf diverse andere naturwissenschaftliche Disziplinen zu. Die PISA-Tests spiegeln also meine Beobachtungen ganz gut wieder. Was diese standardisierten Tests nicht zu messen im Stande sind ist offensichtlich: soziale Fähigkeiten, Problemlösungskompetenz, linguistische Intelligenz genauso wie die Fähigkeit, Sachverhalte prägnant und in ansprechender Art und Weise einem Publikum zu präsentieren. All das beobachte ich hier regelmäßig. Flüssige Präsentationen sind Mangelware und es kann passieren, dass man einem hochintelligenten Doktoranden begegnet, der sich allerdings auf dem Englischniveau eines mitteleuropäischen Volksschülers bewegt.

Die Schattenseiten überwiegen also meiner Ansicht nach ganz deutlich. Die koreanische Regierung versucht seit Jahren, das System etwas zu entschleunigen und Stück für Stück an westliche Standards anzunähern. Bisher hat aber keine Maßnahme nachhaltig gefruchtet.

Dieser harte "Bildungswettbewerb" ist eine wichtige Säule in der koreanischen Gesellschaft. Die immense Anreizkompatibilität des Systems war ein wesentlicher Mitgrund für den rasanten wirtschaftlichen Aufschwung, den dieses Land in den letzten Jahrzehnten erfuhr. Mir würde allerdings kein spezifischer Punkt einfallen, der es Wert wäre um jeden Preis in unser Bildungssystem übernommen zu werden. Was man sich allerdings von Korea abschauen kann, ist die unglaubliche Konsequenz und der schier unbändige Arbeitswille seiner Bevölkerung.

[1] Nur in einer Fußnote sei angemerkt, dass – ganz im Gegenteil zu den westlichen Medien – diesen Konflikt hier keiner so wirklich ernst nimmt, zumindest derzeit. Jeder Koreaner weiß, dass den Kommunisten im Norden die Hände gebunden sind, solange die Schutzmacht China von Exporten in die USA abhängig sind.

[2] Entnommen von den jeweiligen offiziellen Websites.

[3] Emanuel Derman, My Life as a Quant – Reflections on Physics and Finance, Seite 11.

ale