Der Mut zu springen

Felix Baumgartner hat ihn, den Mut zu springen. Das hat er vor wenigen Tagen eindrucksvoll bewiesen und kolportierte 1,2 Milliarden Menschen verfolgten dieses Spektakel zu Hause vor den Fernsehschirmen oder via Internet.

Ein etwa 50 Stockwerke hoher, mit Helium gefüllter Ballon brachte Felix Baumgartner in eine Höhe von etwa 40 km, sodass dieser nach dem Absprung im Zuge seines mehrminütigen freien Falls die Schallmauer durchbrechen konnte, um sodann wohlbehalten in New Mexico zu landen.

Doch was hat man nun davon?

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die man aus diesem Ereignis wird ziehen können, werden sich aller Voraussicht nach im Grenzen halten. Viel mehr hat Red Bull marketingtechnisch einmal mehr Pionierarbeit geleistet und allen großen Konzernen dieser Welt gezeigt, wie man sich um rund EUR 50 Mio. (so viel soll das Projekt „Red Bull Stratos“ ungefähr gekostet haben) mehrere Stunden uneingeschränkte Werbezeit kaufen kann.

Dass der Sprung nicht gleich beim ersten Anlauf geklappt hat, ist dabei Glück im Unglück, denn die Werbezeit hat sich dadurch bei etwa gleich hohen Kosten beinahe verdoppelt. Bei geschätzten Kosten von USD 3 Mio. für 30 Sekunden Werbezeit während des Super Bowls, sollte relativ einleuchtend sein, worin der Mehrwert des Projekts für Red Bull liegt.

Die Frage nach dem Motiv des Protagonisten Felix Baumgartner für dieses waghalsige Unterfangen ist damit aber noch nicht beantwortet.

Felix Baumgartners Hang zu nervenaufreibenden Stunts ist ebenso augenfällig, wie sein Geschick diese in spektakulärer und medienwirksamer Weise zu inszenieren und zu vermarkten. Ob bzw. in welchem Ausmaß der finanzielle Aspekt Felix Baumgartners Entscheidung, das Projekt „Red Bull Stratos“ durchführen zu wollen, beeinflusste, sei dahingestellt. Denn klar ist, dass es mehr bedarf, als eines rein kommerziellen Motives, um jahrelang ein Projekt wie das gegenständliche in penibler und hingebungsvoller Detailarbeit zu vollenden. Den meisten Menschen, vielleicht allen außer Felix Baumgartner selbst und Joe Kittinger (der 1960 einen Sprung aus ähnlicher Höhe wagte), wird der Beweggrund Baumgartners für diesen halsbrecherischen Stunt verborgen bleiben.

Wer versteht schon das Motiv eines Bergsteigers, der alle 8.000er bezwingen will, eines Sportlers, der für einen Triple Ironman trainiert oder eines Mönchs, der ein lebenslanges Schweigegelübde ablegt?

Das Unverständnis Außenstehender ist auch eine Bürde schlagender Verbindungsstudenten, die Nichtkorporierten die Beweggründe für das Fechten einer Mensur oft nur unzureichend vermitteln können. An dieser Stelle soll ganz bewusst darauf verzichtet werden, eine diesbezügliche Erklärung abzugeben. Vielmehr sollen vorhandene Parallelen zwischen der Extremsituation Mensur und dem Stratos-Sprung Baumgartners kurz beleuchtet werden:

Eine langwierige und sorgfältige Vorbereitung auf das Ereignis steht im Vordergrund, während das Ereignis selbst von kurzer Dauer ist. Die Protagonisten sind auf die Unterstützung durch ihr Team angewiesen und müssen sich zu 100 % auf dieses verlassen können. Es bedarf einer außerordentlichen Selbstüberwindung und der Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen einen ruhigen Kopf zu bewahren, um diese Herausforderung meistern zu können. Und die meisten Menschen werden das „Warum“ nie verstehen; müssen sie aber auch nicht. Es reicht aus, wenn der Betroffene diese Frage für sich selbst beantworten kann.

joh