Ein deutscher Streitfall

Er galt einst als glänzendster Kopf der deutschen Geschichtswissenschaft und trotzdem hätte man es beinahe übersehen. Dieses Jahr feierte Ernst Nolte seinen 90. Geburtstag und abgesehen eines Fernsehberichts am Rande sahen sich keinerlei Medien veranlasst, dies zu würdigen. Der ihm vorauseilende Ruf hatte sich im Wandel des Zeitgeistes der letzten Jahrzehnte geändert. Auf diese „zwei Noltes“ angesprochen erwiderte er: „die öffentliche Meinung hat sich in erstaunlicher Weise in eine andere Richtung entwickelt. Früher wurde ich als Linker bezeichnet, heute womöglich sogar als Rechtsextremer“, welcher er klarerweise nicht wäre. Er weist es zurück, sich wesentlich geändert zu haben, sondern die öffentliche Meinung. So ist die Geschichte der zwei Noltes für ihn weit mehr eine Geschichte zweier Öffentlichkeiten.

Im Jahre 1923 in Witten geboren und aufgewachsen wurde er später wegen eines Geburtsfehlers an der linken Hand, ihm fehlen drei Finger, nicht zum Kriegsdienst berufen. Demzufolge war er nicht praktisch in den Krieg verwickelt – spirituell jedoch, weil seine Brüder einzurücken hatten, von denen einer nicht heimkehrte. Ihm fiel es nicht leicht, das Schicksal seiner Generationsgenossen nicht teilen zu können und versprach sich, das daraus zu machen, was er beitragen könne: das Bemühen um Objektivität.

Als Gymnasiallehrer vollendete er 1963 sein erstes Werk „Der Faschismus in seiner Epoche“ und betrat damit die Geschichtswissenschaften „durch eine Tapetentür“.  Das verhalf ihm nicht nur zum Ruf an die Universität, sondern auch zu hohem Ansehen. 50 Jahre später scheint davon nichts mehr übrig zu sein. Der Beginn des „einsamen Wolfes“ datiert das Jahr 1986, der Beginn des sogenannten Historikerstreits. Dabei reagierte der Philosoph Jürgen Habermas mit Kritik auf die „apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung“ anhand eines FAZ-Artikels von Nolte, in dem dieser verlangte, in historischen Betrachtungen stets den kausalen Nexus zu beachten. Für Nolte ist Geschichte eine Aneinanderreihung von Zusammenhängen – es ist traditionelle Pflicht eines jeden Historikers, verstehen zu wollen. In dieser über zweijährigen Kontroverse, an der sich zahlreiche Historiker, Philosophen und Journalisten beteiligten, stellte sich für viele die Frage, ob man gewisse geschichtliche Ereignisse überhaupt „verstehen“ dürfe. Darf man, provokant gefragt, Auschwitz „verstehen“? Wie oft ist alles eine Frage des Terminus, denn das Verstehen ist nicht gleichzusetzen mit dem Verzeihen. Aber der studierte Philosoph Nolte geht noch weiter und behauptet beispielsweise: „In der Untersuchung des Nationalsozialismus dürfe man eine fundamentale Sympathie nicht fehlen lassen“. Sympathie ist das Mitempfinden des Menschen mit dem Menschen, auch mit Bösem könne man als Gutgesinnter mitempfinden. Diese Weise der Veranschaulichung verhindere die Mystifizierung, nach der in diesem Fall alles Böse nicht vom Himmel gefallen sei, sondern direkt aus der Hölle aufgestiegen ist. An diesem Punkt sind wir wieder bei der Frage nach dem kausalen Nexus angelangt, um die es sich in Noltes wissenschaftlicher Betätigung stets dreht. Jedem Ereignis ist ein ursprünglicheres, beeinflussendes Ereignis vorausgegangen und ohne dem ursprünglicheren wäre das folgende womöglich nicht geschehen. Das zu begreifen ermöglicht erst das Verständnis für Geschichte, ihre Folgen und ihre objektive Erklärung.

Dies ist kein essayistischer Versuch Noltes Geschichtserkenntnisse oder Ansichten zu verteidigen, aber Respekt hat er verdient, für seinen aufrechten Gang durch die wechselhafte Zeit. Das geschichtliche Wühlen mag für Menschen deren Wunden nicht verheilt oder deren Last es erschwert nicht angenehm sein. Ebenso wenig es den im Widerspruch befindlichen Historikern, die im wissenschaftlichen Müßiggang voneinander abzuschreiben pflegten, nicht lieb sein dürfte, widerspricht jemand ihren Arbeiten. Wohl gereicht es Noltes Gegnerschaft schon zum Ärger behauptet er: „Ich spreche mit allen. Wenn jemand mit mir reden will, dann rede ich mit ihm“, darauf anspielend, dass einem heutzutage „politisch fragwürdige“ Gesprächspartner vorwürfig gemacht werden. Nolte verschreibt sich in seiner Wissenschaftlichkeit nicht dem „volkspädagogisch gewünschten Geschichtsbild“, wie es Golo Mann formulierte, sondern seinem Gewissen. Nur diesem ist er verantwortlich und diesem ist der „akademische Störenfried“ bei noch so viel zu erntender Missgunst treu geblieben – dem Versprechen, sich um Objektivität zu bemühen. Ernst Nolte soll uns als leuchtendes Beispiel gegen die opportunistische Wankelmütigkeit unseres Zeitgeistes gelten.
 
mvh