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Fußball ist die schönste Nebensache der Welt!

Ja, oft, aber nicht immer.

Manchmal ist das schöne Spiel („The Beautiful Game“) eben mehr als nur eine Nebensache, dann nämlich, wenn sich einzelne Spieler, aktive oder ehemalige, auftun, den Fußball als Träger ihrer Idee, ihrer "message" anzusehen und ihm dadurch eine noch größere Strahlkraft verleihen.

So geschehen in zwei separaten Fällen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite, Thomas Hitzelsbergers ach so heldenhaftes Geständnis seiner Homosexualität, zum anderen, Nicolas Anelka und "la quenelle".

Vor gut einer Woche ist die Meldung in den Äther geschickt worden, dass sich der ehemalige deutsche Fußball Profi Thomas Hitzelsberger nun öffentlich zu seinem Schwulsein bekennt. Und seit diesem Zeitpunkt ist kein Tag vergangen, an dem sich die geifernde Medienschar nicht mit Gusto auf diese Posse gestürzt hat, um dem geschätzten Konsumenten, uns also, mit etwaigen Enthüllungen aber vor allem Nichtigkeiten zu versorgen. Sobald man an diesen Tagen eine Zeitung aufschlägt oder deren mobile Applikation anklickt oder den guten alten Teletext bemüht, um sich über Neuigkeiten zu informiere, die vielleicht über Nacht passiert sind, wird einem dieser ehemalige Fußballer von zweifelhaftem Erfolg präsentiert, der nun, nach seinem Karrierenende, dazu auserkoren worden ist den Heilsbringer zu spielen, der Homosexualität im professionellen Sport als normal gelten lassen soll. Man mag es vielleicht auf die Ermangelung echter Helden schieben, dass es nun diesen Feigling trifft, als Speerspitze einer Bewegung herumgereicht zu werden. Jetzt, da er keinen Anfeindungen auf dem Platz, sei es von gegnerischen Spielern, aber vor allem gegnerischen Fans, ausgesetzt ist, ja jetzt lässt es sich leicht schwul sein und voll aufgeplustertem Stolz schmalzig in alle Kameras lächeln, die einem ins dümmlich grinsende Gesicht filmen. Und die Medien, die sich heutzutage an grenzenloser Armseligkeit zu übertreffen versuchen, spielen dieses Spiel natürlich gerne, denn homosexuell zu sein ist in der heutigen Zeit in unseren Breitengraden ja ach so verpönt.

Oder habe ich etwa geträumt, mir nur eingebildet, dass die deutsche Hauptstadt von einem bekennenden Homosexuellen als Bürgermeister regiert wird? Und stimmt es etwa gar nicht, dass der ehemalige deutsche Außenminister in einer homosexuellen Partnerschaft lebt?

Bei der generellen Akzeptanz von Homosexualität im deutschsprachigen Raum, muss man sich also fragen, wie in diesem konkreten Fall das vermeintliche Heldentum eines Thomas Hitzelbergers nun zu bewerten ist. An dieser Stelle sei dem werten Leser Blake Skjellerup vorgestellt, ein neuseeländischer Shorttrack Eisläufer, der sich mitunter recht visuell zu seinem Schwulsein bekennt, der als aktiver Sportler noch inmitten seiner Karriere steht und der als einer von tausenden Athleten im Februar 2014 bei den olympischen Winterspielen im russischen Sotschi teilnimmt. Zugegeben, auch hier darf die von mir gewählte Bezeichnung Heldentum durchaus hinterfragt werden, aber im Gegensatz zu einem ehemaligen Sportler, der sich nach Beendigung seiner Laufbahn dazu entschlossen hat, die mediale Aufmerksamkeit nicht ganz spurlos an sich vorüber ziehen zu lassen, passt diese Bezeichnung wohl um vieles besser.

Nur wenige Tage zuvor hat sich ein anderer Fußballer ins Gespräch gebracht und subsequent eine ganze Nation auf den Kopf gestellt. Die Rede ist von Nicolas Anelka, der "grande nation" und "la quenelle".

Am 28. Dezember 2013 im Stadion Boleyn Ground im Londoner Stadtteil West Ham, als die Heimmannschaft United, übrigens ein vormaliger Arbeitgeber unseres schwulen Helden, gegen West Bromwich Albion spielt, erzielt der französische Spieler Nicolas Anelka in der Nachspielzeit der ersten Hälfte sein zweites Tor des Tages, die zwischenzeitliche 2-1 Führung seiner Mannschaft Westbrom. Als der Ball im Netz zappelt, dreht besagter Spieler zur Seite ab und bedient sich statt freudigem Jubel einer Geste, die man in Frankreich als "la quenelle" kennt. Selbst ein aufmerksamer Zuseher aber, sollte er nicht vertraut sein mit der "quenelle", würde diese wohl kaum wahrnehmen. Dabei spreche ich aus Erfahrung, denn ich habe dieses Spiel vor dem Fernseher verfolgt und mich in diesem Moment nur gewundert, dass Nicolas Anelka noch professionell Fußball spielt. Wenige Stunden später geht auf meinem Telefon ein Neuigkeiten Alarm ein, generiert von der englischen Tageszeitung The Guardian, der eine Aussage der sozialistischen Sportministerin Frankreichs, Valérie Fourneyron, zum Inhalt hat, Anelkas Aktion sei schockierend und widerwärtig.

Wie sieht diese Geste also aus? Während ein Arm durchgestreckt und mit offener Hand nach unten zeigt, berührt die andere Hand die Schulter.

Soweit so gut. Doch warum herrscht nun solch ein Aufruhr in Frankreich?

Der Quenelle Gruß wurde 2005 vom französischen Komiker Dieudonné M'Bala M'Bala zum ersten Mal in einem Sketch verwendet und erfreute sich damals schon großer Beliebtheit, vor allem unter Jugendlichen, die sich vom französischen System im Stich gelassen oder verraten fühlten.

Dieudonné, wie der Künstler genannt wird, versteht diese Geste als eine "uns reicht es, uns steht es bis hier" Aussage, die sich gegen die Geld-Elite Frankreichs richtet. Immer mehr Menschen in Frankreich zeigen diesen Gruß, weil sie genug haben von Präsident Francois Hollande und der seinigen, die er um sich versammelt hat, um Frankreich zu regieren.

Wie erstickt man nun einen aufkeimenden Protest? Man macht sich auf, um ein Exempel zu statuieren. In schon perfider Einigkeit des sozialistischen und konservativen Spektrums versucht man nun den Anstifter mundtot zu machen, indem man seine Auftritte sowohl im Fernsehen als auch Live-Shows im gesamten Land verbieten lässt.

Da passt es natürlich hervorragend, dass sich diverse Organisationen einschalten, um Dieudonné zum Satan zu machen, den es zu vernichten gilt. Sowohl der CRIF (Conseil Représentatif des Institutions Juives de France) als auch dir LICRA (Ligue International Contre le Racisme et l'Antisémitisme) meldeten sich umgehend zu Wort, um ihrer Verachtung Dieudonné gegenüber Ausdruck zu verleihen und die Quenelle als verqueren Hitler- oder Nazi-Gruß abzukanzeln.

Seinen Durchbruch feierte Dieudonné, Sohn einer weißen Französin und eines Kameruners, zusammen mit dem jüdischen Komiker Élie Semoun, indem sie rassenbehaftete Stereotypen offen legten und persiflierten. Zu dieser Zeit kandidierte er in seiner Gemeinde bei lokalen Wahlen, um so gegen die Front Nationale anzukämpfen. 2003 wurde im französischen Fernsehen ein Sketch von ihm gezeigt, in dem er einen israelischen Siedler mimte, den er als Nazi darstellte. Sofort fühlten sich Gruppen wie CRIF oder LICRA auf den Plan gerufen, da sie meinten, Dieudonné habe eine Linie überschritten, die man nicht queren dürfe. Außerdem wurde er wegen Aufruf zum Rassenhass angezeigt. Doch Dieudonné verweigerte standhaft eine Entschuldigung und wies darauf hin, dass er auch Mullahs auf's Korn nehme. Im selben Zug verfluchte er den Zionismus und die jüdische Lobby Frankreichs, und sagte, dass es ihm erlaubt sein müsse auch extreme Zionisten zu persiflieren. Dies war natürlich nicht der Fall und so wurde er zum Großteil aus dem französischen Fernsehen verbannt, doch über das weltweite Netz und seiner lokalen Auftritte verbleibt er eine Persönlichkeit mit vielen Anhängern, die die französische Politik in Atem halten.

Der Fakt, dass die Quenelle erst durch einen Fußballer in solch viraler Art und Weise rund um den Erdball geschickt worden ist, bleibt eine kleine Anekdote am Rande, denn es gibt auch Fotos auf denen der französische Basketballer Tony Parker, seines Zeichens dreifacher NBA-Meister mit den San Antonio Spurs, aktueller Europameister und Ex-Mann der verzweifelten Hausfrau Eva Longoria, gemeinsam mit Dieudonné und dem Quenelle Gruß posiert. Inzwischen hat er sich davon distanziert und Unwissen als Entschuldigung angeführt. Nicolas Anelka hat angekündigt, den Gruß nicht mehr zur Schau zu stellen und nichts weiter.

mtr