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Pfeile, Kork und 180

Alle Jahre wieder finden sich Menschen aus aller Welt im Norden Londons zusammen, um in einem altehrwürdigen Veranstaltungsort namens Alexandra Palace einem Barsport zu frönen, der sich vor zirka zehn Jahren aufgemacht hat, die Welt zu erobern.

Wenn man sich nur einen flüchtigen Blick in die Menge erlaubt, während die Kamera das Publikum überfliegt, könnte man meinen, dass eine Fernsehstation die Idee meiner Konaktiven und mir aufgegriffen hat, das Bundleben mit einer ebensolchen Kamera zu verfolgen, denn die Sitzanordnung vor der Bühne hat durchaus einen gewissen Kommerscharakter. Dass besagte Zuseher die bereit gestellten Sessel mehr als Stehdenn als Sitzgelegenheit missbrauchen, soll auch bei Kommersen zu späterer Stunde schon ein, zwei Mal vorgekommen sein. Außerdem bewegt sich der Alkoholkonsum durchaus in ähnlichen Sphären, nur die Adjustierung schweift dann doch gewaltig von jener, uns bekannten Norm ab. Angefangen von Leuten in so genannten Hawaii-Hemden bis hin zu Ganzkörperkostümen ist alles vertreten, was man sich nur vorstellen kann, und noch darüber hinaus.

Zusätzlich ist das Publikum mit Karten im A4 Format ausgestattet, welche die Fans beschreiben können, um vielleicht ihren zu Hause gebliebenen Verwandten ein frohes Fest zu wünschen, aber auch viele Liebesbekundungen mischen sich darunter, genau so wie die eine oder andere obszöne Nachricht, die dann von der geistesgegenwärtigen Regie natürlich sofort ausgeblendet wird.

Die vielen Weihnachtswünsche auf den Karten rühren natürlich daher, dass diese Veranstaltung, eigentlich wie die Vierschanzen Tournee im Skispringen, rund um Weihnachten und Neujahr ausgetragen wird. Der große Unterschied zu diesem in unseren Landen so beliebten Sport ist natürlich die Statur der Aktiven, der Stars. Während ein Gregor Schlierenzauer bei einer Größe von knapp 1,80 gerade einmal die 60 Kilo Marke durchbricht, ist bei den Stars dieser anderen Veranstaltung meistens die GgG-Formel anzuwenden, Größe gleich Gewicht.

Anstelle von kindlichen Spitznamen wie Schlieri oder Kofi, die den jeweiligen Nachnamen zu einer verniedlichten Kurzform beschneidet, treten in diesem anderen Sport Männer an, die sich The Power nennen, oder Jackpot, The Artist, Jaws, The Flying Scotsman, oder Tripod. Diese künstlichen Namen sind meistens auf ebenso künstlich anmutenden und meistens abartig hässlichen Kurzarmhemden gedruckt, um den Zusehern zu erkennen zu geben, welcher dieser Stars gerade mit seinen Pfeilen auf das runde Brett aus Kork wirft.

Darts heißt wörtlich übersetzt Pfeile, und damit ist dieser Sport, der aller Wahrscheinlichkeit nach von britischen Soldaten erfunden wurde, die mit Messern auf die Ringe von gefällten Baumstämmen warfen, auch schon ganz einfach beschrieben. Weiters wird vermutet, dass beim Auftreffen des Messers im morschen Holz Teile des Stammes absplitterten, und so die Segmente entstanden, die man heute auf einer Dartscheibe findet. Insgesamt sind die Zahlen von eins bis 20 vertreten, und die Aufteilung erfolgt durch ein simples Prinzip, nämlich die großen Ziffern mit kleineren zu umgeben. Daher befindet sich links von der 20 die fünf, rechts die eins, an die wiederum die 18 grenzt, auf die wiederum die vier folgt. Ein solches Zahlenfeld ist selbst in vier Segmente unterteilt, die wie auf der gesamten Korkscheibe durch einen Metalldraht voneinander abgegrenzt werden. Ganz außen befindet sich ein schmaler Abschnitt, das so genannte Doppelfeld, das einem Spieler bei eventuellem Treffen mit dem Pfeil den doppelten Wert der eigentlichen Zahl gutschreibt. Im Fall der Doppel 20 handelt es sich demnach um 40 Punkte. Nach innen hin folgt dann ein etwas größeres Feld, das bei Auftreffen eines Pfeils den einfachen Wert zählt. In der Mitte jedes Zahlensegments findet man einen weiteren schmalen Abschnitt, das so genannte Dreifachfeld, im Englischen als Triple bezeichnet. Man muss nun kein besonders begabter Kopfrechner sein, um zu erkennen, dass die Dreifach 20 der Platz auf der Dartscheibe ist, der einem Spieler die meisten Punkte einbringt. Weiter innen liegt noch ein weiteres Einfachffeld, das letztendlich an den äußeren Ring der Mitte anschließt, dem sogenannten Bull, das einen Zahlenwert von 25 besitzt. Die absolute Mitte einer jeden Scheibe ist das Bullseye, welches beim Treffen mit einer Gutschrift von 50 belohnt wird.

Zurück im Alexandra Palace, im Volksmund auch Ally Pally genannt, spielen nun jeweils zwei Akteure in einem Wettkampf gegeneinander, der “501 double out” genannt wird. Ziel dieses Spiels ist es, so schnell wie möglich die Anfangszahl 501 auf Null zu bringen, wobei jedem Spieler abwechselnd drei Pfeile zur Verfügung stehen, um in dieser so genannten Aufnahme, so viele Punkte wie möglich von dieser anfänglichen 501 zu subtrahieren. Daher ist es das Ziel eines jeden Spielers, so oft wie möglich die Dreifach 20 zu treffen, denn im besten möglichen Fall kann man mit einer Aufnahme die 180 erzielen, die dann auch vom Publikum dementsprechend gefeiert wird. Die einzige Hürde bei dieser Form des Darts, die sich allerdings oft als spielentscheidend erweist, ist die Voraussetzung, dass der allerletzte Pfeil immer in einem Doppelfeld landen muss.

Nehmen wir als Beispiel: ein Spieler hat seine 501 bis auf 97 herunter geschrieben, somit bleiben ihm nun folgende Möglichkeiten, vor seinem Gegner durchs sprichwörtliche Ziel zu laufen. Als erstes trifft er die Dreifach 20, somit bleiben ihm noch 37 über. Dann geht er auf die einfache 17, um seinen dritten Pfeil im Doppelfeld der 10 zu versenken. Ein anderer Weg wäre zuerst das Bullseye, dann die einfache sieben und schließlich die Doppel 20. Oder die Dreifach 19, um dann gleich auf die Doppel 20 zu gehen, und dieser letzte Ausgang wird von 99% aller Spieler gewählt, weil es im Prinzip die einfachste Lösung ist, da sie mit zwei Pfeilen zu bewältigen ist, und weil am Ende die Doppel 20 stehen bleibt, die das am meisten angepeilte Feld von vielen Darts Profis darstellt, da die 20 ja genau in der Mitte der Scheibe angebracht ist und sich noch dazu im oberen Halbkreis befindet, ein Umstand, der das Treffen dieses schmalen Feldes beträchtlich vereinfacht.

Als ich die Übertragung dieser Weltmeisterschaft zur besinnlichen Zeit als eine meiner persönlichen Weihnachtstraditionen auserkoren habe, ereilte mich von Beginn an die Faszination, mit welcher Genauigkeit diese oft ungelenk wirkenden Akteure ihre Pfeile in diese kleinen Felder befördern. Doch meiner Meinung nach ist es mindestens genau so faszinierend, dass alle Profis hunderte von Möglichkeiten im Kopf haben, ihre 501 mit einem Doppelfeld zu beenden. Natürlich ist das hauptsächlich einem rigorosen Training geschuldet, bei dem die Spieler eben nicht nur die Präzision ihrer Würfe üben, sondern sich auch mathematisch betätigen müssen, denn oft ist schnelles Umdenken gefragt, dann nämlich, wenn in der Schlussphase vielleicht ein Pfeil nicht das anvisierte Ziel treffen sollte. Während ich drei der Möglichkeiten, die 97 auszuwerfen, mit Hilfe von Stift und Papier errechnet habe, hätten die Profis wohl schon einen weiteren Satz gespielt.

Die höchst mögliche Punktzahl, die sich mit drei Pfeilen und einem abschließenden Doppelfeld ausmachen lässt, ist natürlich die 170. Zwei mal Dreifach 20, einmal Bullseye. Man sollte nun meinen, dass sich, beginnend von dieser 170, alle niedrigeren Zahlen auswerfen lassen, aber dem ist nicht so, denn diese magische Nummer, ab der sich alle weiteren Zahlen mit einem Doppelfeld beenden lassen, ist die 158. Auch wenn man noch so oft nachrechnet (ja, damit habe ich schon die ein oder andere Minute während einer Darts-Übertragung verbracht), folgende sieben Zahlen sind im Modus “double out” nicht mit drei Pfeilen auf Null zu bringen: 169, 168, 166, 165, 163, 162 und die 159.

Wie im Baseball (“perfect game” eines Werfers, der keinem Gegenspieler erlaubt, ein Mal zu berühren) oder im Snooker (147, die höchst mögliche Punktzahl, als “maximum break“ bezeichnet), gibt es auch im Darts dieses eine perfekte Spiel, den so genannten Neun-Darter. Um das zu erreichen, sollte ein Spieler mit den ersten sechs Pfeilen eine 360 werfen, also zwei 180 hintereinander, um dann mit den Pfeilen sieben, acht und neun seine 501 auszumachen. Auch hier gibt es natürlich wieder mehrere Möglichkeiten, wie zum Beispiel die Dreifach 20, die Dreifach 19 und die Doppel 12. Ein anderer Ausgang wäre die Dreifach 17, Bullseye und die Doppel 20. In einer wohl durchaus amüsanten Parallelität, die das Universum in seiner ganzen Komik manchmal für uns bereit hält, gibt es insgesamt neun Möglichkeiten, diese 501 mit neun Pfeilen zu beenden. Nur einer dieser Wege erlaubt es dem Spieler, nicht sechs Mal die Dreifach 20 treffen zu müssen: Dreifach 20, Dreifach 19, Bullseye, und das drei mal hintereinander.

Und so treffen sich auch heuer wieder Spieler aus aller Welt, wobei die Mehrheit natürlich von den britannischen Inseln stammt, um mit ihren kleinen Pfeilen auf eine Scheibe aus Kork zu werfen und dabei vor einem grölenden Publikum unmöglich anmutende Rechenaufgaben zu bewältigen.

Hurra, die Weihnachtszeit ist wieder da.

mtr