Syrien - Ein Land als Zeuge der Zeit

Im Sommer 2010 hatte ich das Vergnügen nach Syrien zu fliegen, um dieses Land für eine Woche zu bereisen. Von Damaskus aus ging es nach Homs (aus dem Arabischen auch als Hims transkribiert), etwa 150 Kilometer nördlich der Hauptstadt gelegen. Von da fuhr ich weiter in den Nordwesten des Landes, nach Aleppo, der größten Stadt Syriens, die sich außerdem durch eine ganz eigene Identität vom Rest des Landes unterscheidet. Von Aleppo aus führte mein Weg dann an die Westküste Syriens, genauer gesagt in die Hafenstadt Latakia, bevor ich wieder in den Süden nach Damaskus zurückkehrte.

Syrien ist ein Land voller Geschichte, alter Geschichte, wie man es wohl ausdrücken sollte. Die Hauptstadt Damaskus zum Beispiel, Dimashq im Arabischen, ist eine der am längsten kontinuierlich besiedelten Städte der Welt. Gemäß der sogenannten C14-Datierung des Tell (Tell ist die archäologische Bezeichnung eines Hügels, der durch menschliche Besiedlung entstanden, aber schon lange Zeit unberührt ist) Ramad, etwa 25 Kilometer südwestlich von Damaskus am Berg Hermon gelegen, war dieses Gebiet wohl schon um 6400 v. Chr. besiedelt. Im größeren Becken des Flusses Barada, der Damaskus durchfließt, konnte man auch Beweise dafür entdecken, dass es in diesem Gebiet schon um ca. 9000 v. Chr. erste Siedlungen gab. Doch innerhalb der Stadtmauern kam es erst im zweiten Jahrtausend v. Chr. zur ersten Besiedlung. In dieser Zeit war Damaskus Teil der Amurru Provinz des ägyptischen Königreichs Hyksos, und erste niedergeschriebene Spuren davon sind in den Amarna Briefen aus 1350 v. Chr. zu finden. Diese “Briefe” sind eigentlich Tontafeln, die die Korrespondenz zwischen der ägyptischen Administration und seinen Repräsentanten, in Amurru zum Beispiel, darstellen.

Um ca. 1260 v. Chr. wurden Damaskus und ganz Syrien zu einem stark umkämpften Gebiet zwischen den Hethitern aus dem Norden (heutiges Anatolien) und den Ägyptern im Süden. 1259 v. Chr. unterzeichneten der Hethiter König Hattusili III und Ramses II, dritter Pharao der 19. Dynastie, ein Abkommen, welches besagte, dass Hattusili die Kontrolle über Damaskus und den umliegenden Gebieten an seinen ägyptischen Kontrahenten abtritt.

Wenig später erreichten die sogenannten See- oder Fremdvölker (Scherden, Šekeleš, Tyrsener, Mešweš) Syrien und neue Kriege wurden geführt. All dies geht mit dem Ende der Bronzezeit einher.

Auch wenn Damaskus zuerst mehr an der Peripherie dieser Kriege lag, im Nachhinein sorgten all diese Ereignisse im Übergang von Bronzezur Eisenzeit für die Entwicklung der Stadt Damaskus, die sie zu einem Zentrum mit großem Einfluss auf seine Umgebung werden ließ.

Ende des 12., Anfang des 11. Jahrhunderts v. Chr. begannen die Aramäer, eine nordwestsemitische, semi-nomadische Völkergruppe aus Mesopotamien, nachdem sie das Nomadentum völlig verbannt hatten, einzelne Königreiche auf dem Gebiet Syriens zu errichten, darunter Arpad (Aleppo), Hamath (Hama, Stadt im Westen Syriens) und auch Aram-Damaskus, mit Damaskus als Hauptstadt.

965 v. Chr. wurde die Stadt mittels Gewalt von Ezron eingenommen und expandierte als Reich Aram-Damaskus immer weiter in den Süden, so dass es das Königreich Israel davon abhielt, weiter in den Norden vorzudringen. Dieser Konflikt dauerte einige Generationen an, bis im frühen 8. Jahrhundert v. Chr. ein Abkommen zwischen dem damaligen Herrscher Ben-Hadad II und Israel unterzeichnet wurde, das letzterem Handel in Damaskus erlaubte. Ein weiterer Grund für diesen Pakt könnte die immer stärker auftretende Gefahr des Neu-Assyrischen Reiches gewesen sein, das zu dieser Zeit versuchte, sich immer weiter von Mesopotamien aus in den Mittelmehrraum auszubreiten.

853 v. Chr. führte König Hadadezer von Damaskus eine levantinische Koalition im Kampf gegen Neu-Assyrische Truppen an, und Aram-Damaskus trat als Sieger aus diesem Konflikt hervor. Doch als Hadadezer von seinem Nachfolger, Hazael II, ermordet wurde, fiel auch diese levantinische Allianz auseinander, der unter anderem auch Israel unter König Ahab angehörte. Das Neu-Assyrische Reich bewegte sich immer weiter vor, bis die Stadt Damaskus völlig eingeschlossen war. Nach einer versuchten Revolte im Jahr 727 v. Chr. konnte auch Damaskus von den Assyrern unter ihre Kontrolle gebracht werden.

Am Übergang vom 6. zum 5. Jahrhundert v. Chr. verschwanden die Assyrer allmählich, und das ganze Gebiet fiel unter die Herrschaft von Necho II, einem Pharao der 26. Dynastie.

Im Jahr 572 v. Chr. wurde dann ganz Syrien vom Neubabylonischen Reich (auch Spätbabylonisches oder Chaldäer Reich genannt) eingenommen, aber man weiß heute kaum etwas über Damaskus in dieser Periode.

323 v. Chr., nach dem Tod Alexander des Großen, der die Stadt in sein Reich eingliederte, fingen das Seleukidenreich und die Ptolomäer an um Damaskus zu streiten, und die Herrschaft begann zwischen diesen beiden Reichen hin und her zu pendeln.

Unter den Römern gehörte Damaskus dann zur politischgeographischen Einheit Dekapolis, die, wie der Name schon sagt, zehn Städte umfasste (Gerasa, Scythopolis, Hippos, Gadara, Pella, Philadelphia, Capitolias, Canatha, Raphana) und die östliche Grenze des Römischen Reiches in Judäa und Syrien repräsentierte.

Im Jahr 37, seinem ersten Herrscherjahr, transferierte der römische Kaiser Caligula Damaskus an den Nabatäer König Aretas IV, der von seinem Sitz in Petra (Jordanien) aus über die Stadt herrschte. Als 106 das Nabatäer Reich von den Römern besiegt wurde, kam auch Damaskus wieder unter römische Herrschaft.

Im zweiten Jahrhundert avancierte Damaskus zur Metropole und wurde 222 von Kaiser Septimius Severus zur sogenannten colonia erklärt, dem höchst möglichen Status, der einer römischen Stadt verliehen werden konnte. Während der Periode der Pax Romana begann Syrien immer mehr zu prosperieren, vor allem weil Damaskus ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt verschiedener Handelsrouten war. Auch die Stadtplanung, vor allem der alten Stadt, änderte sich grundlegend, als römische Architekten damit begannen, die aramäischen und griechischen Fundamente zusammenzuführen, wodurch schlussendlich ein Areal mit den Ausmaßen von 1500 Meter Länge und 750 Meter Breite entstand, um das eine Mauer mit sieben Stadttoren errichtet wurde.

635 wurde Syrien, und damit auch Damaskus, vom Kalifat Rashidun, unter der Herrschaft des Kalifen Umar, eingenommen. Dieses Kalifat entstand nach dem Tod Mohammeds im Jahr 632 und war zum Zeitpunkt seiner weitesten Ausbreitung eines der größten Reiche der Geschichte. Obwohl die Herrschaft nun muslimisch war, die Bevölkerung blieb vorwiegend christlich, aber mehr und mehr Muslime zogen in die Stadt, vor allem aus Mekka, Medina (beides im heutigen Saudi Arabien) und der syrischen Wüste. Nach der Herrschaft der Rashidun folgte das Kalifat der Umayyaden, die das noch junge islamische Reich von Damaskus aus beherrschten.

706, unter Al-Walid I, dem sechsten Kalifen der Umayyaden, begannen dann die Bauten zur sogenannten Umayyaden Moschee, heute eine der größten Moscheen der Welt, die auf einem ganz speziellen Platz errichtet wurde.

Die Aramäer Syriens waren Anhänger des Hadad-Ramman Kultes und errichteten in ihrer Hauptstadt einen Tempel, der dem Sturm- und Regengott Haddad huldigte. Als Damaskus unter römische Herrschaft fiel, wurde aus Haddad der römische Donnergott Jupiter, und in diesem Zuge machten sich die Römer daran, den alten Hadad-Ramman Tempel um- und auszubauen, der am Ende um vieles größer als sein Vorgänger war, dennoch die originale, semitische Konstruktion beibehielt. 391 wurde der Tempel von Kaiser Theodosius I, unter dem das Christentum zur römischen Staatsreligion wurde, zur Kathedrale des Heiligen Johannes umgewandelt. Im 6. Jahrhundert dann weihte man das Gebäude Johannes dem Täufer, dessen Kopf der Legende nach dort begraben sein soll. 706 kommissionierte Al-Walid I den Bau einer Moschee am Ort der byzantinischen Kathedrale.

Auf die Umayyaden folgten die Abbasiden als Kalifen des islamischen Reichs, das nun in Bagdad eine neue Hauptstadt hatte. Die Abbasiden versuchten alle Erinnerungen an die Umayyaden in Damaskus auszulöschen, die Moschee jedoch blieb davon verschont, da sie als Symbol des Triumphes des Islams angesehen wurde.

Auf persönlicher Ebene kann ich anmerken, dass ich nun wahrlich kein religiöser Mensch bin, und mich Großbauten religiöser Natur, wie zum Beispiel der Petersdom, in der Vergangenheit nur wenig beeindruckt haben, so muss ich aber sagen, dass diese Moschee, vielleicht aufgrund ihrer mannigfaltigen Geschichte, wahrlich ein äußerst beeindruckendes und Ehrfurcht gebietendes Gebäude für mich darstellt. Es sind nun keine religiösen Gefühle dabei aufgekommen, oder gar der Wunsch ein Moslem zu werden, dennoch kann man an diesem Ort all seine Geschichte fühlen und in sich aufsaugen. Ein Ort, an dem man vor tausenden von Jahren einem Sturm- und Regengott huldigte, oder später heidnischen Göttern Opfer gebracht wurden, ein Ort an dem vielleicht Johannes der Täufer, zumindest ein Teil von ihm, begraben sein soll.
Man, eigentlich ich in diesem Fall, kann dieser Moschee eine gewisse Mystik auf gar keinen Fall absprechen, und meiner Meinung nach sollte jeder einen Besuch auf seiner Noch-Zu-Tun-Liste aufgeschrieben haben.

mtr