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Thomas Piketty – Reichtum besteuern?

„Capital in the 21st Century“ ist der Titel des momentan die Bestsellerlisten hinaufkletternden Buches von Thomas Piketty, einem französischen Ökonomen, der innerhalb der letzten Wochen zum  Superstar avancierte. Hört sich etwas nach einer Neuauflage von Karl Marx' Hauptwerk aus dem vorletzten Jahrhundert an. „Marx Rises Again“ (New York Times Kommentar) und „Piketty Revives Marx for the 21st Century“ (Wall Street Journal) sind Beispiele von Schlagzeilen, mit denen versucht wird, Piketty ins kommunistische Eck zu drängen. In Wirklichkeit ist der Franzose kein Marxist. Er beteuert dies immer wieder und lobt zugleich Marktwirtschaft und Privateigentum als notwendige Kriterien für Wohlstand.

Das Buch existiert schon seit 2013 (Le Capital au XXIe siècle), doch wurde es erst vor kurzem in die englische Sprache übersetzt. Mitte April wurde es unter Anwesenheit von zahlreichen Starökonomen in New York der Öffentlichkeit präsentiert (inklusive Übertragung ins Internet via Livestream). Von da an nahm der rasante Aufstieg seinen Lauf: viele Ökonomen veröffentlichten Rezensionen des Buches in ihren Blogs bzw. Zeitungskolumnen. Nobelpreisträger wie Krugman oder Stiglitz bejubelten es. Dies zog innerhalb kürzester Zeit Reaktionen von anderen Ökonomen bzw. nun auch vermehrt (Wirtschafts-)Journalisten nach sich, und deren Kommentare wurden wiederum von anderen kommentiert. Im Internet entbrannte eine Debatte über Pikettys Werk und all seine Facetten. Man musste also eine Meinung zu diesem Buch haben bzw. zumindest so tun als hätte man es gelesen. In Windeseile wurde „Capital in the 21st Century“ zur Pflichtlektüre – oder wie ein New Yorker Kolumnist pointiert anmerkt: „... and the one book this year that everyone in my profession will be required to pretend to have diligently read“.

Gibt man in Google-News das Wort „Piketty“ ein, so erhält man derzeit unglaubliche 80.000 Treffer. Das Buch selber hat bereits einen (sehr bescheidenen und wenig differenzierten – zumindest derzeit noch) eigenen Wikipedia-Eintrag.

Wieso aber hat dieses trockene, sehr theoretische und für einen Nichtökonomen eigentlich uninteressante Werk das geschafft – nämlich Einzug in Tageszeitungen zu finden –, was zuletzt den Harvard-Ökonomen Reinhart und Rogoff (Stichwort 90% Staatsverschuldung & Fiskalklippe) gelang (Letzteren allerdings im negativen Sinne)? Dies gilt freilich nicht für österreichische Medien. Bis auf ein kurzes Interview im Standard bekam man von dem Franzosen bisweilen hierzulande nichts zu lesen. Ganz bestimmt wird sich das noch ändern, sind doch gewisse Passagen Wasser auf die Mühlen von „Reichensteuer“-Befürwortern. Womit meine gestellte Frage schon fast beantwortet ist: Pikettys Werk behandelt ein sehr heikles Thema, das am besten mit dem Ausdruck „Economic Inequality“ beschrieben wird.

Einige Fakten abseits des Buches: Je weiter bzw. besser ein Land entwickelt ist, desto weiter klafft seine Einkommensschere auseinander. Vor allem steigt die Anzahl der Spitzenverdiener (gemeint ist hier das letzte Perzentil, bzw. eher die letzten 0,01% der Einkommensverteilung – Personen mit Einkommen von mehreren Millionen jährlich). Des Weiteren ist bekannt, dass sich der Großteil des sich auf der Welt befindlichen Vermögens im Besitz der reichsten 1% befindet.

Thomas Pikettys fast 700-seitiges Werk hat drei Hauptelemente:
  1. Eine historische Behandlung von Ungleichgewicht und Wohlstand
  2. Einen Ausblick, der steigendes Ungleichgewicht prognostiziert
  3. Empfehlungen an die Politik
Es sei vorweggenommen, dass es sich hierbei um ein fantastisches Buch handelt – das finde ich, obwohl ich mit Pikettys Schlussfolgerung nicht zur Gänze konform gehe. Eine ausführliche Rezension würde hier den Rahmen sprengen, daher hebe ich die – meiner Meinung nach – beiden genialsten Erkenntnisse von „Capital in the 21st Century“ hervor:

1.
Ein allgemeines Problem in ökonomischen Analysen ist, dass man aufgrund von nicht vorhandenen Daten langfristige Betrachtungen nicht durchführen kann. Für entwickelte Nationen gibt es erst seit den 60iger Jahren des letzten Jahrhunderts umfassende Wirtschaftsdaten, für viele Entwicklungsländer etwa gibt es bis heute noch keine zufriedenstellenden Daten.
Piketty und seinen Kollegen ist es in den letzten Jahren hauptsächlich anhand von historischen Steuerdokumenten gelungen, vergangene Einkommensverteilungen zu schätzen (für Frankreich sogar zurück bis ins 18. Jahrhundert).

2.
Diese gewonnenen Daten nutzt er, um seine zentrale Hypothese, deren Genialität in ihrer Einfachheit liegt, zu formulieren.
Der Buchstabe r bezeichnet die durchschnittliche Kapitalrendite. Der Buchstabe g bezeichnet das weltweite Wirtschaftswachstum, welches gemessen pro Kopf im Durchschnitt den jährlichen Einkommenszuwachs widerspiegelt.
Piketty postuliert nun, dass solange r > g gilt, das weltweite Ungleichgewicht weiter wachsen wird. Seine Erklärung hierzu ist sehr einfach: reiche Leute verdienen den Großteil ihres Vermögens durch Kapitalanlage (Börse, Immobilien, etc.), während der durchschnittliche Haushalt sein Einkommen durch herkömmliche Arbeit bestreitet. Ist also die Rendite auf Kapital höher als der jährliche Einkommenszuwachs, so „entfernt“ sich das  Einkommen von Wohlhabenden zunehmend vom durchschnittlichen Einkommen.

Natürlich gibt es zu diesem Ansatz einiges an Kritik. Diese würde hier aber den Rahmen sprengen und wird daher nicht angeführt. Der interessierte Leser wird innerhalb kürzester Zeit via Google fündig.

Bevor man sich aber selbst mit dieser Lektüre bzw. diesem Thema befasst, sollte man sich eines vor Augen führen: man muss differenzieren zwischen Steuern auf Einkommen, die durch Arbeit und persönliche Fähigkeiten erwirtschaftet wurden, und Steuern auf Kapital bzw. Einkommen aus Kapital in Form von Renditen. Dies passiert in der öffentlichen Debatte und vor allem bei (zumeist populistischen) politischen Forderungen nicht. Es existiert ein grundsätzlicher Unterschied zwischen ererbtem und erarbeitetem Kapital.

Ich schließe mit einigen allgemeinen Überlegungen, beziehe aber keine klare Position, da dieser Themenkomplex der Einkommens- und Wohlstandsverteilung bei weitem zu vielschichtig ist um Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben. Wer an dem ideologischen Grabenkampf, den dieses Buch entfacht hat, partizipieren möchte, den führt eine kurze Google-Suche zum Ziel.
  • „Reichensteuern“, wie sie in der derzeitigen Form diskutiert werden, machen meines Erachtens nach erst dann Sinn, wenn es weltweite Steuerabkommen gibt. Ansonsten ist Steuerflucht vorprogrammiert.
  • Warum sollte ein Staat Kapital von jemandem angreifen, für das er oder einer seiner Vorfahren gearbeitet hat? (Bzw. im Falle von Unternehmern Risiko eingegangen ist) Werden dadurch nicht Anreize zerstört?
  • Staaten könnten sehr viele ihrer finanziellen Probleme lösen, würden sie vom Kapital derer nehmen, die – sagen wir – mehr als 100 Millionen besitzen.
ale